ARCHÄOLOGIE
Als der Beduinenjunge Muhammed Adh Dhib im Sommer 1947 in der Wildnis zwischen
Bethlehem und dem Toten Meer einem verlorenen Schaf nachlief, ahnte er wohl
kaum, daß er eine der größten archäologischen Entdeckungen unseres Jahrhunderts
machen würde. In einer Höhle bei Chirbet Kumran fand er sieben alte
Schriftrollen, darunter ein Exemplar des Buches Jesaiah, das etwa 1000 Jahre
vor den bisher bekannten Texten des Alten Testaments geschrieben wurde. Wie
vorauszusehen war, beflügelten die Schriftrollen vom Toten Meer die Phantasie
der ganzen Welt.
Sie gehörten zur Bibliothek der Essener, einer asketischen jüdischen Sekte, die, obzwar im Neuen Testament nicht erwähnt, in dieser Gegend sehr aktiv waren. Hauptsächlich wirkten sie in der Zeit um Jesus, die eine der wichtigsten und zugleich am magersten dokumentierten Epochen der Menschheitsgeschichte ist. Als sich daraufhin die Archäologen daran machten, dieses Gebiet gründlicher zu erforschen, fanden sie in 40 weiteren Höhlen Zehntausende von Fragmenten, die viele Fragen über die Ursprünge des Christentums beantworten halfen. Viele sehr interessante archäologische Funde wurden in Israel ganz zufällig gemacht. Einer von ihnen ist das Jason Grab, eine Felsskulptur aus dem 1. Jahrhundert v.Chr. im Herzen eines Wohnviertels in Jerusalem.
Sie wurde entdeckt, als hier der Boden für den Bau eines Hauses geebnet werden sollte; ein Nachbar verständigte die Archäologen, die hier Münzen, Töpfereigegenstände, Bronzearbeiten und andere Dokumente aus der Zeit der Makkabäer fanden. Sogar Israels bedeutendster Archäologe, der verstorbene Professor Jigael Jadin machte einige Zufallsentdeckungen. In den vor ihm schon oftmals durchkämmten Höhlen von Nechal Chewer stieß er auf Briefe des jüdischen Freiheitskämpfers Bar Kochbar (2. Jahrhundert), juristische Schriftstücke, Haushaltsgegenstände und Kleider aus derselben Zeit. Häufig entdeckt ein Archäologe Verstecke von historischer Bedeutung, indem er einer Ahnung folgt.
So kam zum Beispiel Dr. Benno Rothenberg, als er wieder einmal bei den Kupferminen von Timna arbeitete, plötzlich auf den Gedanken, daß die monumentalen Salomonsäulen ein Ort der Kultverehrung gewesen sein könnten. er ließ daraufhin einen Graben ausheben und fand tatsächlich einen ägyptischen Tempel - nur einen Meter unter dem seit Jahrzehnten von Tausenden von Besuchern festgetretenen Sand. Solche Zufallsfunde regen Tausende von Israelis dazu an, sich auf die Suche nach verborgenen Schätzen zu machen - und oftmals macht sich ihr Hobby bezahlt. Im Sand und Schotter einiger Strände - wie etwa Cäsarea - fanden viele von ihnen Topfscherben, Münzen und andere Gegenstände, die vom Leben vergangener Zivilisationen zeugen. Wenn Sie sich gerne an derzeit durchgeführten Ausgrabunsprojekten beteiligen wollen, schreiben Sie bitte an die Abteilung für Altertum, P.O.B. 586, Jerusalem. Zur Beachtung:
Jede Art von archäologischen Ausgrabungen u. ä. ohne Erlaubnis dieser Abteilung ist verboten! Alle Funde sind das Eigentum des Staates Israel. Als sich Prof. Jadin darauf vorbereitete, die Geheimnisse der Massada zu enträtseln, erhielt er eine wahre Flut an Bewerbungen von Freiwilligen aus 28 verschiedenen Ländern, obgleich diese von vornherein wußten, daß sie ihre Anreise selbst zahlen müßten und in der glühenden Hitze der Toten Meer Senke in Zehnmannzelten untergebracht werden würden. Auch die israelische Verteidigungsarmee hat einige archäologische Entdeckungen gemacht.
Bei Nachal Chewer fanden Soldaten alte Münzen und oft werden Armeehubschrauber eingesetzt, um schwer zugängliche Gebiete nach weiteren Relikten des Altertums zu erforschen und diese dann aus den entlegenen Gegenden in die Sicherheit der Städte zu transportieren. Die großartigen , 2000 Jahre alten, Nabatäerstädte wurden vom Schutt befreit und zum Vorschein kam ihr modernes System von Wasserreservoirs, mit denen ausgedehnte Siedlungen im Negew versorgt wurden.
Wir können an der Kunst früherer Kriegsführung den brillianten Geist der damaligen Taktiker und Strategen erkennen. Die Tore Salomons zum Beispiel waren derart angelegt, daß der Feind sich zwar seinen Weg durch die erste Einfriedung schlagen konnte, aber nur um sich darin gefangen zu finden. Auch König Ahab, König von Israel und Hezechia, König von Juda, müssen hochbegabte Techniker gehabt haben; unterirdische Wassertunnels bei Hazor und Megiddo sind selbst für heutige Begriffe recht beachtlich und zeugen von den Talenten damaliger Architekten. Ferner bieten die archäologischen Forschungsarbeiten einen Schlüssel zur Erforschung religiöser Praktiken alter Zivilisationen.
In Jericho etwa dürften die Menschen schon vor etwa 11000 Jahren an ein Leben nach dem Tod geglaubt haben. Es wurden hier einbalsamierte Schädel mit Muscheln in den Augenöffnungen gefunden, die dafür zeugen, daß bereits in jener Zeit Totenkult betrieben wurde. Die großen kanaanitischen Tempel bei Geser und anderenorts bargen kultische Skulpturen, wie etwa die Göttin der Fruchtbarkeit.
Auch über die Praktiken der Totenbestattung kann uns der Archäologe Aufschluß geben. Am Friedhof vom Mamschit (Kurnub) wurden die Toten mit dem Gesicht nach oben und mit nach Osten gerichteten Beinen begraben; wohlhabende hellenesierte Juden wurden oft in Familiengruften beigesetzt, von denen manche - wie etwa die von Bet Guvrin - innen kunstvoll bemalt sind. In Givataim wurden Urnen gefunden, die eine 2000 Jahre alte doppelte Bestattungstradition dokumentieren; es wurden hier die Gebeine der Toten erneut bestattet, nachdem das Fleisch bereits verwest war.
Professor Benjamin Masar begann nach dem Sechs-Tage-Krieg ein Ausgrabungsprojekt neben der Klagemauer in Jerusalem und legte Ruinen und Relikte frei, die auf über 3000 Jahre zurückgehen. Über herodianischen Mauerresten und Straßen fanden sich Ergänzungen der Römer, die nach dem Jahr 70 n.Chr. Steine des Zweiten Tempels zum Bau ihrer Häuser verwendeten. Das Team von Prof. Masar legte Teile der riesigen Mauer des herodianischen Tempelbergs, sowie Häuser, Straßen, Stufen und Wassersysteme herodianischen Ursprungs frei. Die in diesem Schlüsselgebiet seit 1968 vollzogenen Ausgrabungsarbeiten haben über Jerusalems Vergangenheit mehr offenbart, als alle Ausgrabungen des letzten Jahrhunderts zusammen.
Zu den bedeutendsten Perioden der Geschichte Jerusalems gehören außer der Zeit des Zweiten Tempels die byzantinische Zeit (4. - 7. Jahrhundert) und der Frühe Islam (7.-8. Jahrhundert). Ausgrabungen südlich des Tempelbergs (ebenfalls von Prof. Masar, und später von Meir Ben Dow) belegen die letztgenannten Perioden, insbesondere den Frühen Islam. Eine massive und eindrucksvolle Konstruktion hinter der El-Aksa Moschee ist ein Omaijadenpalast. Von anderen großen Gebäuden umgeben war dies wohl ein Zentrum der Kalifen. Ein vor 80 Jahren in Ägypten entdecktes Schriftstück erwähnt zwei Baumeister, die nach Jerusalem gesandt wurden, um dort einen Palast zu erbauen - vermutlich diesen. Etwa einen halben Kilometer vom Tempelberg entfernt ist das Jüdische Viertel der Jerusalemer Altstadt.
Hier fanden Prof. Nachman Avigad und andere Forscher alte Krüge und Vasen. 1978 begann ein großangelegtes Projekt am Ophelberg, dem ursprünglichen Jerusalem. Unter den Königen von Juda lag dieses Gebiet innerhalb der Stadtgrenzen und war vor der Landnahme der Israeliten unter Joschua von Jebusitern bewohnt. Dieses Ausgrabungsprojekt wurde von Dr. Jigael Schiloh geleitet. Bereits zwei Monate nach Beginn der Ausgrabungsarbeiten fanden die Archäologen einen Wassertunnel, gespeist aus der Siluanquelle, aus dem Jahre 900 v.Chr. Damit ist er um 200 Jahre älter, als der berühmte Tunnel, der im Auftrag von König Hezechia geschlagen wurde.
Ferner wurden hier Relikte aus der frühen Bronzezeit (3000 v.Chr.)
gefunden, die von den ältesten bisher in Jerusalem aufgespürten Spuren früherer
Besiedlungen zeugen. Im August 1981 wurden die an der Ausgrabung beteiligten
Wissenschaftler und Studenten von religiösen Eiferern belästigt, die
behaupteten, an eben diesem Ort menschliche Knochen gefunden zu haben. Sie
erreichten, daß das Oberrabbinat das ganze Gebiet zu einem jüdischen Friedhof
erklärte und Archäologen den Zutritt versagte. Der Oberste Gerichtshof jedoch
bestimmte, daß die Ausgrabungen weitergehen könnten. Das Hauptziel der
Ausgrabung bestand darin, zu erforschen, was von der Stadt aus der Zeit des
Ersten Tempels und davor noch übrig geblieben war. "Seit 1967 hat sich
alles, was wir über Jerusalem wußlten, geändert", sagte Dr. Schiloh.
"Dies ist für diese Generation der letzte Stein des Puzzles."